Christian Unverzagt

Masse und Bewegung


zuerst veröffentlicht in: Arcade No. 1 (Amsterdam 1989),
Jaarboek van de Academie voor Ambulante Wetenschappen

 

 

 

 

Der heitere Fatalismus

Wie oft war die Geschichte schon zu Ende gewesen!? Ging sie vielleicht nur deshalb jedesmal wieder weiter, weil es zu viele (gar „die Massen“?) einfach nicht mitbekommen hatten?

Danach ist auf einmal auch eine Haltung in der Welt, die von den Politischen verunglimpft und vom System gefürchtet wird. Es ist der heitere Fatalismus, der sich beim Wechsel der Zeiten nicht mehr auf die Norm-Skala ausrichten läßt. Er sieht das Ende der Bewegung nicht als Scheitern und die wieder ablaufende Normalzeit nicht als Dauerzustand an. Er hat es erlebt, wie das, was sich symbolisch in Bewegung gesetzt hatte, wieder erstarrte, um im leblosen Gehäuse der Macht zu verschwinden; aber er weiß auch, daß die Systemgeschwindigkeit den Normalltag auf unvermeidliche Katastrophen zutreiben läßt, die den leeren Raum für andere Bewegungen öffnen werden – und daß es vor diesem keinen anderen Wächter als das Imaginäre gibt. Er weiß um den Wandel der Dinge, der sich nicht durch eine politische Praxis auf das Fadenkreuz eigener Intentionen ausrichten läßt, sondern der nur durch eine Zeit-Geist-Beschwörung zu einem ekstatischen Ausdruck finden kann.

Auch die Systemmacht wird nicht von Dauer gewesen sein. Alles was ist, ist dem Untergang geweiht. Gelassen läßt der heitere Fatalist die Ereignisse auf sich zukommen. Er weiß um die Rückseite der Dinge und er erkennt in ihr die Signatur des Schicksals. Er weiß, daß DER MENSCH den Lauf der Dinge letztlich nicht steuern kann, und schon das reicht aus, ihn heiter zu stimmen. Wenn er sich über die scheiternden Pläne und die herrschenden Zufälligkeiten amüsiert, mag man seine Heiterkeit für reine Schadenfreude halten, aber der Schaden Anderer ist ihm egal. Er sieht es nur etwas anders. Er hält es für die höchste Weisheit, von der emsigen Zukunftsbaumeisterei DES MENSCHEN abzulassen. Das, was kommt, wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben. Er ist weder Optimist noch Pessimist, er ist lediglich bereit, jede Überraschung als Geschick oder Geschenk anzunehmen. Er erkennt in allem das Wirken eines Ausgleichs (an), der mit menschlicher Gerechtigkeit nichts zu tun hat und doch jedem seine Chancen zuteilt.

Der heitere Fatalist hat sich leer gemacht, und so ist er in der Lage, dem was auch immer kommt, geistesgegenwärtig zu begegnen. Er kettet sich nicht durch Bilder und Vorstellungen an die Zukunft, und er hängt nicht melancholisch Vergangenem nach. In gewisser Weise schrumpft die Zeit für ihn zusammen; aber nicht wie für den notorisch überinformierten und mit Nachrichten aller Art eingedeckten TV-Zuschauer, den das damit einherlaufende Vergessen an einer präsentierten Gegenwart kleben läßt. Der heitere Fatalist schwebt noch über diesen Dingen, er hängt an nichts und verankert sein Selbst nirgendwo. Konfrontiert mit dem traurigen Tod-Ernst Anderer huscht ein spielerisches Lächeln über sein Gesicht. Er sagt Ja zum Leben, auch wenn ihm keine Werte etwas gelten, durch die er es ideell erhöhen könnte. Vom Typ her kann er eher hedonistisch oder asketisch veranlagt, mehr ein passionierter Kämpfer oder ein passivierter Mystiker sein; aber immer gilt es ihm als Weisheit, die Dinge so zu nehmen wie sie sind.

In der Welt DES MENSCHEN wirkt der heitere Fatalist wie ein taoistischer Totalverweigerer. Alle politischen, moralischen, rationalen oder emotionalen Anforderungen gleiten an ihm ab. Er versucht es erst gar nicht, den Sinn der Dinge in einer menschlichen Bedeutung ausfindig zu machen. Aller Sinn ist dem heiteren Fatalisten nur eine Frage des Betrachterstandpunktes. Wenn nichts geschehen kann, was nicht dem universellen Prinzip des Ausgleichs entspricht, so braucht man nur die Ebene zu wechseln und zum Spiel einen geologischen oder kosmologischen Standpunkt einzunehmen, um noch den Sinn der Kataklysmen, in denen DIE MENSCHHEIT untergehen könnte, einzusehen. Die Interferenzen und Störungen in der Welt DES MENSCHEN lassen sich dann als fatales Eingreifen einer höheren Spielebene erkennen, mit dem sich auch das ewige Plus, das DER MENSCH für sich verbuchen zu können meinte, als Illusion enthüllt.

„Alles wird seinen Sinn gehabt haben,“ sagt sich der heitere Fatalist, wenn die Dinge ihm dann doch einmal zu nahe gehen. Es ist keine Zukunft, von der er sich die Erfüllung irgendwelcher geheimer Wünsche verspricht; mit dem Futur II ist die Zeit eines Paralleluniversums gemeint, in die er vielleicht momentan gerade nicht eintauchen kann. Aber wenn er es nicht allzu krampfhaft versucht, wird es ihm über kurz oder lang gelingen und dann ist er wieder zeitgleich mit dem Schicksal. Seine Heiterkeit gründet in der Fähigkeit, die Universen zu relativieren. Er ist Mitglied verschiedener Welten und dadurch immer zugleich beteiligt und unbeteiligt.