Christian Unverzagt

Das verschwiegene Buch Metarealismus

 

 

 

 

  

 

 

 

 

Wie lange und was dann?

Was wurde nicht schon alles zu unserem Schicksal er­klärt? Die Politik, die Bürokratie, die Wirtschaft, der Euro... In einem metarealistischen Almanach heißt es: „Die Wirklichkeit ist unser Schicksal.“ Der Kommentar erläutert, dass darunter dasjenige, was wir dafür halten, zu verstehen sei; zumindest bis zu einem gewissen Punkt, der ein Zeitpunkt sei. Wirklichkeit gründe in ei­ner Art Credo und sei eine Frage der Glaubwürdigkeit, letztlich Vertrauenssache.

 

Die These wird gelegentlich als Beleg für den Aus­tausch zwischen Wirklichkeit und Metarealismus ange­führt. Wurden Metarealisten wegen solcher Äußerungen früher, initiiert vielleicht von Effekthaschern aus ihren eigenen Reihen, als postmoderne Spinner bespöttelt, so haben sich mittlerweile die Realitätstüchtigen ihrer An­sichten bemächtigt. Analysten, Ökonomen und Soziolo­gen haben als Ursache für das, was sie die Krise des Finanz­systems nennen, einen fundamentalen Vertrau­ensverlust ausfindig gemacht. Ein Verlust an Glaubwür­digkeit sei der wirkliche Grund für das sich anbahnende Desaster auf den Finanzmärkten. In der Glaubwürdig­keit gründe die Kreditwürdigkeit. Credo und Kredit – das sei, ob wir es wollten oder nicht, die Realität.

 

Sichtbar wurden diese Zusammenhänge allerdings erst im Zeichen dessen, was den Realitätstüchtigen als Niedergang vorkommt. Bis vor kurzem habe man Ban­ken durch Staaten und diese durch große Staatenver­bände retten, d.h. weitermachen lassen können. Nun aber, nachdem die Vertrauensreserven aufgebraucht seien, breche das ganze System des Vertrauensmanage­ments zusammen, und alles geriete in den Strudel des Vertrauensverlusts.

 

Oder anders: Bis vor kurzem konnten Metarealisten mit der Frage „Wie lange noch?“ Außenseiter spielen. Nun aber sei es durch die mediale Beschleunigung und erhitzte Popularisierung dieser Frage zu ihrer Kern­schmelze gekommen, wodurch die auf Vertrauensbasis gestellte Wirklichkeit kontaminiert worden sei. Schon tauche hier und dort die Anschlussfrage auf: „Was dann?“

 

In dieser fatalen Situation tritt der Metarea­lismus, den man als Marionettenspieler eines Schreckgespenstes darzustellen gewohnt war, als Trost­spender und Kühl­mittel auf. Er argumentiert dabei ähn­lich wie einst Epi­kur gegenüber denen, die sich angesichts des Todes ängstigten. Diesen hatte der grie­chische Philosoph ver­sichert, dass sie der Tod gar nichts anginge, da er, so­lange sie existierten, nicht sei, dort aber, wo er sei, sie nicht existierten. So erklärt der Meta­realismus hinsicht­lich der Wirklichkeit, als deren stän­dige Vertretung er sich gerne ausgibt, dass immer und überall, wo die Ver­trauensfrage des „Wie lange noch?“ oder gar deren skeptische Überbietung „Was dann?“ an sie gestellt werde, die Wirklichkeit sei.

Buchveröffentlichungen von Christian Unverzagt

demnächst erscheinen:

Die klassischen Schriften des Taijiquan

 

Alien Mensch. Vom Sondermüll zur Selbsterkenntnis

 

 

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