Christian Unverzagt

Der Steingarten des Nek Chand

Ein Gesamtkunstwerk aus Müll und Geröll
Zu einer Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt vom 17. 8. bis zum 10. 11. 1991 

Als Indien 1947 das Joch der englischen Kolonialherrschaft abschüttelte, trennte sich das islamische Pakistan vom Mutterland ab. Die Grenze verlief durch den Staat Punjab, dessen in Indien verbliebener Teil nun eine neue Hauptstadt erhalten sollte: Chandigarh. Man beauftragte den damals berühmtesten Architekten der Welt, den Franzosen Le Corbusier, mit dem Entwurf der Stadt. Einer der Straßenbauinspektoren der neuen Reißbrett-Metropole war Nek Chand, der als Flüchtling aus dem pakistanischen Teil des Landes in die neuen indischen Staatsgrenzen gekommen war.

1973 entdeckte man im Rahmen eines Malaria-Bekämpfungsprogramms im Dschungel hinter Chandigarh am Fuße des Himalaya seinen Steingarten. Nach der Arbeit in der Stadt war er in der Wildnis auf Suche nach „sprechenden Steinen“ gegangen, die er in seinem geheimen Garten sammelte, um aus ihnen sein „Königreich der Götter und Göttinnen“ aufzubauen. Später ging er dazu über, Figuren aus Geröll, Kachelscherben, Zement und gebranntem Ton herzustellen, deren Skelette er aus Schrott formte. Seine Arbeit fand mit verworfenem Material und im Heimlichen statt. Nachts sorgte er für Licht, indem er alte Fahrradreifen verbrannte.

Die in der Natur gesammelten Steine und die Scherben und Reste der Zivilisation haben in Nek Chands Wundergarten zu einem bizarren Miteinander gefunden. Es gibt das „Königreich der Poeten“, das „Königreich der Tiere“, Tänzer, Wasserträger, Hirten mit ihren Herden... Alltägliches und Phantastisches, Fabelwesen und Verkehrspolizisten gehören hier derselben Ordnung an. Diese Miniaturwelt – mittlerweile zu einem Umfang von der Größe von 33 Fußballfeldern angewachsen – setzte einen Kontrapunkt zu der mathematischen Planung der neuen Metropole.

„Nichts ist nutzlos.“ Man kann aus allem etwas machen. Dieses Credo teilt Nek Chand mit allen möglichen Müll- und Schrottkünstlern auf der Welt. Doch auch wenn er mittlerweile ein vielfach mit Preisen ausgezeichneter und über den Erdball hinweg gefragter Mann geworden ist, sieht er sich selbst nicht als Künstler, sondern als Arbeiter, der seiner eigenen Inspiration folgt. Mit seiner Arbeit will er „beitragen zur Vollendung von Gottes Schöpfung“.

Dieses Projekt wird nun bereits seit etlichen Jahren vom indischen Staat unterstützt. Für die Realisierung dieses niemals fertigen Vorhabens bekam der Einzelgänger Nek Chand nicht nur finanzielle Mittel, sondern zeitweise auch bis zu 400 Arbeiter zur Verfügung gestellt. Damit konnten die Basteleien an den Konstellationen in eine Art Massenproduktion gehen. Affenscharen und Menschenmengen aus Stein, Zement und Scherben, bekleidet mit zerbrochenen Plastikreifen und -spangen, tauchen in einer bizarren Landschaft mit Höfen, Kammern, Tälern und Hügeln auf.

Natürlich war es nicht möglich, die gestaltete Landschaft im Haus der Kulturen der Welt zu rekonstruieren. Was sich transportieren läßt, sind eben nur einzelne Objekte (auch wenn es eine Vielzahl ist), nicht aber der gestaltete Raum. Man hat zwar noch einige Figuren im Garten des Hauses und im vorgelagerten Wasserbecken aufgestellt, um ihnen eine vorübergehende Ersatzheimat im Freien zu geben; aber der Zauber des Steingartens mit seinen Schluchten, Wasserfällen und Tempeln bleibt unsichtbar und läßt sich eher aus den Photos als aus den steinernen Figuren und den – in seiner dritten Schaffensphase entstandenen und vor allem für den Transport in andere Länder geschaffenen – Stoffpuppen erahnen.

Es ist nicht die erste Ausstellung, die mit dem Problem zu tun hat, daß Skulpturen sich nicht ohne Ausstrahlungsverlust aus ihrer angestammten Umgebung entfernen lassen. Für sich stehend, ohne an den Werkstätten ihrer Entstehung vorbeilaufen zu können, verschwindet auch der „Müll und Geröll“-Anteil, der im Ausstellungstitel angekündigt ist. Die Schrottskelette der Figuren sind unter ihrem Zementfleisch nicht sichtbar. Daß es Scherben und Reste waren, die weiterverarbeitet wurden, um nun ihre Oberfläche zu zieren, ist nur aus dem Katalog ersichtlich.

Vielleicht werden die Figuren aber auch fern ihrer Heimat noch einen eigenen Raum um sich entfalten können. Für den Rücktransport der tonnenschweren Ausstellungslast gibt es keine Gelder. So könnte der von Nek Chand geäußerte Wunsch, daß die Ausstellung einen permanenten Platz in Deutschland finden möge, sich realisieren. Entweder in einem Ausstellungsraum, in einem Lager oder auf einer Deponie. Was aus Müll entstand und fertig ankam, wird wieder zu Müll werden. In einer Umgebung, die von der Verfallszeit bestimmt wird, werden die Figuren aus Abfall wieder ihren ganzen Charme entfalten können.