Volker Grassmuck und Christian Unverzagt

Auf den Spuren des Müll-Systems

 Report einer metarealistischen Recherchereise durch Südostasien, Frühjahr 1991

Kubilai: „Vielleicht spielt sich dieser unser Dialog zwischen zwei abgerissenen Kerlen mit Spitznamen Kublai Khan und Marco Polo ab, die eine Müllkippe durchwühlen, verrostete Eisenteile, Lumpen, Altpapier häufen und trunken von wenigen Schlucken üblen Weines rings um sich alle Schätze des Orients erglänzen sehen.“
Polo: „Vielleicht ist von der Welt ein unbestimmbares, von Müllhalden überdecktes Terrain und der hängende Garten im Schloßgelände des Groß-Khans übriggeblieben. Es sind unsere Lieder, die sie auseinanderhalten, doch man weiß nicht, was drinnen und was draußen ist.“

(Italo Calvino)


Am 12. 12. 1990 fand sich in der thailändischen Zeitung The Nation ein Artikel, der den Finger auf die Wunde der längst schon begonnenen Zukunft legte. Am Beispiel Deutschlands ging es weder um Wirtschaftswunder noch um das Ende des Kalten Krieges, sondern um Müll. In einem Bericht aus Berlin wurde Deutschlands Wandel von einem der „größten Umweltverschmutzer“ zu einer der „am meisten umweltbewußten Nationen“ geschildert. Man konnte fast, sollte vielleicht auch, den Eindruck gewinnen, als ob sich das gegenseitig ausschlösse! Am Beispiel der Kassiererinnen, die nicht mehr freiwillig und ohne Erhebung des Zwangsgroschen Plastiktüten herausgeben, wurde das Müll-Bewußtsein im „kollektiven deutschen Geist“ anschaulich gemacht. Ebenso unbekannt in Thailands Geschäften sei der Anblick von Konsumenten, die vor Verlassen des Ladens überflüssige Verpackungen von ihren Waren streifen, um sie vor Ort zurückzulassen statt ihre privaten Mülleimer damit zu füllen. Solch eine „Interaktion von Verkäufern und Kunden“ bei der Vermeidung müllreicher Konsumtion sei in Thailand (noch) undenkbar. Dort gelte es als Frage der Höflichkeit, dem Kunden alles mindestens zweifach einzupacken, und sei es in Plastik. Der Artikel berichtete dann noch über den Umfang der mit dem Umweltschutz zusammenhängenden Gesetzgebung und über Recycling-Aktivitäten in Deutschland. Der Tenor war ein Appell, das Auswerten des Mülls nicht länger dem Lumpenproletariat Bangkoks zu überlassen, sondern eine effiziente Recycling-Technologie aufzubauen.

Von der Sichthöhe der wilden Müllkippen aus betrachtet, traf der Artikel sicher ins Schwarze. Dennoch war unsere spontane Vermutung bei seiner Lektüre, dass es selbst in Thailand nicht anders sein könne als woanders: daß nämlich das jeweils avancierteste Problembewußtsein immer mindestens einen Schritt hinter dem Problem selbst herhinkt.

Auf dem Weg nach Malaysia, wo wir die Adresse eines lokalen Müllexperten hatten, sahen wir diese Vermutung bestätigt. Wir hatten für unsere Fahrt die Küstenroute abseits der Hauptverkehrsader gewählt. Linker Hand lag das Meer, rechts von uns über mehr als 60 km Länge Garnelenzuchtfarmen. Je nach Sichtweise ließen sich sich als Quelle schnellen Reichtums für umgesattelte Reisbauern und nebenverdienende Lehrer aus Bangkok betrachten, oder aber, den Zeitfaktor einbeziehend, als riesige Müllproduktionsanlagen, die das Land auf unabsehbare Zeit verwüsteten.

Das Geschäft ist einträglich. Da für den Export produziert wird, lassen sich Mengen absetzen, die über dem landeseigenen Bedarf liegen, und Preise erzielen, die innerhalb des Landes über der Kaufkraft liegen.

Die Technologie ist einfach. Im Erdreich werden nahe der Küste riesige Becken ausgehoben und mit Meerwasser gefüllt. Bunte Plastikschaufelräder sorgen für die nötige Sauerstoffzufuhr, vergrabene Röhren für die Abfuhr des verbrauchten Wassers ins Meer.

Die Folgen sind gewaltig, und das innerhalb relativ kurzer Zeit. Nach ein paar Jahren müssen die Becken aufgegeben werden, weil der Boden zerstört ist und die Wasserzusammensetzung derart verändert, daß keine Garnelen mehr gedeihen wollen. Die Farmen wandern weiter, der Küste entlang, und hinterlassen eine versalzte Erde, auf der nichts mehr wächst, kein Reis und kein Gemüse; nicht einmal Touristenhotels lassen sich hier mehr anbauen.

Ein studierter Farmexperte, den wir unterwegs kennenlernten, erklärte uns, der Boden sei nicht eigentlich das Problem; den könne man ausheben, woanders hinschaffen und durch gute Erde ersetzen. Aber das Meer! da ließe sich nichts machen. Tatsächlich führt das verdreckte, sauerstoffarme Abwasser im Meer zu einer (uns Nordseeanrainern wohlbekannten) Algenblüte, die das ökologische Gleichgewicht der See bereits zerstört hat.

Eine besondere Ironie sei es, so fügte er hinzu, daß das, was hier im Süden ein unerwünschter Nebeneffekt sei, im Nordosten des Landes gezielt herbeigeführt werde. Dort betrieben Politiker eine großangelegte illegale Salzindustrie, die das Nong Bua Wasserreservoir bedrohe. Wir erzählten ihm, daß die alten Römer Salz im Rahmen einer Kriegsstrategie eingesetzt hatten. Nach der Zerstörung Karthagos streuten sie es auf dessen Felder, damit dort nie wieder etwas gedeihe.

„Ja“, sagte er. „Unter der Oberfläche herrscht überall ein Art Krieg. Manchmal weiß man zwar nicht genau, wer gegen wen, ob der Mensch gegen den Müll, der Mensch mit dem Müll gegen die Erde, oder der Mensch mit dem Müll gegen andere Menschen; aber geraubt und geplündert wird immer.“

Der Mann redete, als hätte er Das Müll-System gelesen. Dessen Lektüre hatte unser Bewußtsein für die Rückseite der Dinge geschärft und unseren Blick auf die Folgen der Produktion gelenkt, die den heutigen Reichtum der Wohlstandsgesellschaften als eine geborgte Größe erscheinen lassen; als etwas, das von der Zukunft „geliehen“ ist, die mit der Hypothek des angerichteten Schadens ins Rennen geht. („Geliehen“ als euphemistische Umschreibung für ein Aneignungsverfahren verstanden, bei dem der Besitzer nicht gefragt wird und der Schuldner zum Fälligkeitstermin nicht mehr existiert.)

Mag sein, daß wir, abgelenkt von der angeregten Unterhaltung, ein Hinweis- oder Verbotsschild übersehen hatten und von der Straße abgekommen waren. Auf einmal standen wir vor einem ausgedienten Panzer. Aus seiner Luke streckten drei Kinder ihre Köpfe, die beim Anblick der farang sofort wieder lachend im Inneren verschwanden. Als wir selbst auf das Ungetüm kletterten, sahen wir, woran sie sich vergnügten. Sie waren gerade dabei, die Instrumentenanzeigen auszubauen, die im Dunkeln leuchteten. Unsere Versuche, den Kindern klarzumachen, daß sie inmitten radioaktiven Mülls spielten, wurden mit begeistertem Lachen quittiert.

Der Panzerfriedhof um uns herum erinnerte uns an Altlasten der Geschichte, auf die wir in Deutschland und den USA gestoßen waren. Nach dem Ende des Kalten Krieges wird überall auf der Welt sichtbar, was im Namen der Friedenssicherung Tabu war: Die Militärs sind die hartnäckigsten Umweltverschmutzer und zugleich am besten davor geschützt, zur Verantwortung gezogen zu werden.

„Was nützt uns letztlich“, fragte kürzlich der Ex-Astronaut John Glenn, heute Senator des US Bundesstaates Ohio, „ein nukleares Arsenal zum Schutz gegen die Sowjets oder andere potentielle Angreifer, wenn wir uns dabei selbst vergiften und unser Volk radioaktiv verseuchen?“

Zu den Altlasten des Krieges, der nie stattgefunden hat, gehören Truppenübungsplätze, Flughäfen und andere Militärgelände, die jetzt von den Amerikanern im Westen und den Sowjets im Osten geräumt und den jeweiligen Verbündeten überlassen werden. Das ist von Panzern durchwühlter Boden, der getränkt ist mit Ölen, Kerosin, Tichlorethylen und anderen chlororganischen Lösungsmitteln, gespickt mit nicht explodierten Übungsgranaten und Bomben.

In den USA bedecken Militäranlagen über 100 Mio km² des Landes. Sie produzieren mehr Sondermüll als die fünf größten Chemiekonzerne zusammen. Einige davon sind zur Schließung vorgesehen und sollen für Milliarden von Dollar aufgeräumt und in eine zivile Nutzung überführt werden. Aber nicht für alles Geld der Welt wäre es möglich, die gefährliche Altlast vollständig aus dem Boden zu holen. Im besten Fall werden sie geeignet sein für eine eingeschränkte Oberflächennutzung. Gedacht ist an eine Umwidmung zur Ansiedelung leichter Industrie – oder an Naturschutzgebiete.

Zu den brisantesten Geländen gehören die, auf denen Chemie- und Atomwaffen hergestellt werden. In Hanford im Staat Washington z.B. stehen auf 1450 km² 14 Reaktoren, in denen ein Großteil des amerikanischen Atomwaffenarsenals erbrütet wurde. Von hier kam auch die Atombombe auf Nagasaki. Heute patrouillieren auf diesen Arealen bewaffnete Wachmannschaften. Eigentlich müßten sie für die nächsten Jahrmillionen bewacht werden. Die sinnreiche Bezeichnung, die die amerikanischen Behörden für sie fanden, lautet National Sacrifices Zones, nationale Opfergebiete. So manifestiert sich, daß wir für Fortschritt und Frieden Opfer bringen müssen. Die Nachgeborenen werden vielleicht nur den zweiten Wortsinn, nicht den eines weltlichen Verlustes, sondern den eines sakralen Opfers begreifen und hier Kultstätten errichten. Sollten sie jedoch ein besseres Gedächtnis haben, könnten sie die Ironie erkennen, die darin liegt, daß die Moderne die Tabus der Indianer auf heilige Zonen mit Uranvorkom­men hochmütig ignoriert hat, nur um nach einem Durchlauf des Materials durch die Logik der Massenvernichtung nun ihrerseits Tabuzonen zu errichten.

An der malaysischen Grenze empfing uns über den Häuschen mit den kopftuchbedeckten Beamtinnen eine zur Warnung aufgehängte Tafel mit Galgenlogo: „Todesstrafe für Drogenschmuggel!“ Nach all der Lektüre über geheime Giftmülltransporte hatte es fast etwas Beruhigendes daß die Probleme des moslemisch regierten Landes noch der guten alten Zeit angehörten.

In Penang führte uns unser Weg ins Chinesenviertel. Wir fanden die uns angegebene Adresse in einer kleinen, dunklen Straße, zu der wir uns den Weg durch die Abfallreste und weggeworfenen Kisten des nahegelegenen Marktes bahnen mußten. Nach mehrmaligem Klopfen öffnete uns ein betagter Chinese mit weißem Ziegenbärtchen, der uns mißtrauisch musterte. Die schriftliche Empfehlung unseres Informanten wirkte jedoch Wunder. „Sie sind Vertraute dieses Mitglieds unseres Gesellschaft? Bitte kommen Sie doch herein.“ Nachdem er die Tür dreifach verriegelt hatte, führte er uns in ein spärlich beleuchtetes Zimmer, in dem er uns schwarzen Tee servierte. „Obwohl es unter meinen Landsleuten üblich ist, grünen Tee zu trinken, ziehen wir von der Gesellschaft des Schwarzen Weges den Tee vor, den man im Westen schwarz nennt. Grünen Tee trinken wir nur zu rituellen Zwecken, wenn wir ihn mit dem weißen Elixier mischen.“

Wir erzählten ihm von unseren jahrelangen Müll-Recherchen und von der wundersamen Wendung, die unser einstiges Buchprojekt genommen hatte. Hatten wir nach jahrelangen Recherchen doch in einer unterirdischen Mülldeponie Aufzeichnungen entdeckt, die unsere eigenen Texte überflüssig gemacht hatten.

„Oftmals erscheint es als Zufall“, sagte er, „was sich dann später, wenn man der Einsicht fähig ist, als weise Fügung des Schicksals herausstellt. Als man mich während der Kulturrevolution in China von der Universität verbannte und zur Müllabfuhr abkommandierte, haderte ich mit meinem Los. Ich wußte nicht einmal, wessen man mich überhaupt beschuldigte. Ich glaubte, alles verloren zu haben. Erst später begriff ich, daß die Aktivisten von damals selbst nur Werkzeuge im Dienst einer Macht waren, über die es heute noch, da die Zeit der Kulturrevolution offiziell verdammt wird, verboten ist zu sprechen; und ich lernte, daß diese Macht auch mich als ihr Werkzeug wollte.“

Wir baten ihn, uns mehr über seinen Werdegang und über die Gesellschaft des Schwarzen Weges zu erzählen.

„Am Anfang fühlte ich mich einsam als Intellektueller unter den anderen Müllwerkern. Aber mit der Zeit freundete ich mich mit einem Kollegen an, dessen Gedanken mich mehr und mehr in ihren Bann und schließlich in die Geheimgesellschaft des Schwarzen Weges zogen. Zunächst fiel es mir schwer zu verstehen, was er z.B. mit der ‚Rückseite der Produktionsgesellschaft’ meinte. Sehen Sie, als Chinese wußte ich natürlich um die Yin-Yang-Lehre und daß jedes Ding Anteile von beidem hat; aber als Kommunist, der ich schließlich immer noch war, war ich davon überzeugt, daß es durch Befriedigung der materiellen Bedürfnisse einen grenzenlosen Fortschritt in die Menschlichkeit geben könne. Dieser Kollege aber beharrte darauf, daß die Produktion materiellen Reichtums eine Illusion sei. Eine Illusion, die Kapitalismus und Kommunismus teilten. Eine Illusion, hinter deren Schleier der Normalsterbliche nicht schauen könne, da sie sich erst in Zeitläufen offenbare, die länger als ein Menschenleben dauern. Alles übermäßige Yang sei dazu verdammt, vom Rollback des Yin wieder vernichtet zu werden. Und so müsse die Produktionsgesellschaft eines Tages an ihrem eigenen Müll, der Rückkehr ihrer Aktivität zu ihr selbst, ersticken. Nur auf dem Schwarzen Weg, im Schatten der Produktion, blieben wir davon unberührt.“

Wir, die wir urpsrünglich mit äußerst nüchternen Materialanalysen begonnen hatten, freuten uns, einen der im Müll-System eher marginal erwähnten Müll-Esoteriker leibhaftig vor uns zu haben. Im Verlauf des Gesprächs warfen wir an einer uns geeignet erscheinenden Stelle einen Satz aus dem Müll-System ein: Der Betrieb der Welt erhellt seinen Sinn vom Gipfel einer Deponie, wenn nur das Kreischen der Möwen die Stille zerreißt. Als der Alte diesen Satz hörte, lief ein sonderbares Beben durch ihn. Mit großen, gerührten Augen und dreifacher Verbeugung wandte er sich an uns:

„An diesem Satz wirst du sie erkennen, hat er gesagt. Ihnen allein sollst du den Weg weisen. Sehen Sie, ich bin nur ein Eingeweihter niedrigen Grades, ich kann Ihnen nichts beibringen. Erst wollte ich Ihnen meine Bibliothek zeigen – ich darf mich rühmen, die größte Müll-Literatursammlung Asiens zu beherbergen, es sind sogar einige esoterische Werke darunter – aber all das ist überflüssig, wenn der Meister Sie unterweisen wird. Gehen Sie nach Manila!“

„Wer ist der Meister?“ wollten wir wissen. „Und wo werden wir ihn finden? Manila ist groß.“

„Gehen Sie und sie werden ihn finden“, war seine definitive Antwort.

Als wir ihn verlassen hatten, begannen wir nicht nur an der Zurechnungsfähigkeit des Alten, sondern auch an unserer eigenen zu zweifeln. Wie sollten wir in der Achtmillionenstadt Manila ohne alle Ortsangaben einen uns unbekannten Meister finden?

Wir beschlossen dennoch, nach Manila zu gehen, dort aber, statt ohne Anhaltspunkt nach dem dubiosen Meister zu suchen, den Spuren aus dem Müll-System zu folgen. In einem Kapitel über Recycling in der Dritten Welt hatten wir auch eine Beschreibung der Aktivitäten auf Smokey Mountain, dem Müllberg Manilas, gefunden:

Zwischen Schwärmen von Millionen grünschillernder Fliegen, erstarrten Tierkadavern und den allgegenwärtigen Ratten stochern barfüßige Männer, Frauen und Kinder mit Eisenhaken oder bloßen Händen im urbanen Unrat, den die Lastwagen Tat für Tag hier abkippen. Ungezählte Millionen Tonnen im Jahr. Wenn sie etwas Wiederverwertbares finden, Dosen, Flaschen, Altpapier, Lumpen, Stoffreste oder selbst Plastiksäcke, sammeln sie es ein, um es an Zwischenhändler zu verkaufen. Sie sind es, die den Verwertungsprozeß an seinem Ende wieder in eine Kreisform zurückbiegen sollen. Für die Gesellschaft ist ihr Wert unschätzbar, aber dazu müssen sie am untersten Ende ihres untersten Endes stehen. Sie wohnen in Bretterbuden auf dem Müllberg, aus dem sie noch ihr Mobiliar gewinnen. Ihr ganzes Leben ist dem Müll verschrieben.

Auf dem Flughafen von Manila kauften wir uns das Manila Bulletin, in dem wir prompt einen Artikel zu unserem Thema fanden. Eine Gruppe namens „Work Against Trash for Ecological Rebirth, Inc.“ (WATER) warnte vor dem anhaltenden Betrieb von Smokey Mountain. WATER zufolge transportierten Wind und Insekten Giftstoffe von der Müllkippe zum La Mesa Damm, dem Trinkwasser-Reservoir Manilas. Trotz aller anderslautender Pläne und Ankündigungen der philippinischen Regierung rauchte Smokey Mountain also noch. Wir nahmen ein Jeepney zu unserem Bestimmungsort.

Nach einstündiger Wanderung über den zu Müll gewordenen Reichtum der Stadt war uns etwas unwohl zumute. Zum einen wegen der üblen Ausdünstungen, die aus dem faulenden Boden und den zahlreichen Feuern aufstiegen, zum anderen wegen der mitunter mehr als mißtrauischen Blicke, mit denen die „Einheimischen“ von ihrer Wühlarbeit zu uns aufsahen.

Fünf- bis zehntausend Menschen sind es, die hier leben und aus den 3600 Tonnen Müll, die Manila täglich ausscheidet, die verkaufbaren Bestandteile herauslesen.

Auf einmal stand ein hellhäutiger Mann unbestimmbaren Alters vor uns. Aus seinen schwarzen Augen sah er uns mit festem, wohlwollenden Blick an. „Ich habe schon auf Sie gewartet, kommen Sie doch bitte mit“, sagte er. Hatten wir ihn also gefunden; bzw. er uns, der Müll-Meister.

„Was Sie hier sehen, existiert nicht“, erklärte er, während wir uns einen Weg in die Tiefe des gigantischen Terrains bahnten. „Zumindest nicht im Bewußtsein der Menschen in der Stadt.“

„Aber lesen nicht auch sie immer öfter in ihren Zeitungen von giftigen Industrieabfällen, die sich in ihrer Welt ausbreiten?“ wandten wir ein. „Von Kupfererzminen, Düngemittelfabriken, Zuckermühlen und Alkoholdestillen, die ihre Abfälle einfach auf die Hinterhöfe oder in die nahen Flüsse kippen? Hören sie nicht von Lungen- und Atemwegserkrankungen, von Blut spuckenden Kindern?“

„Sie lesen es und sie hören davon, aber wenn sie die nächste Seite ihrer Zeitung aufschlagen und von Wachstumsraten der Industrie erfahren, an der sie verdienen, freuen sie sich und haben vergessen, was ihnen der Artikel auf der vorhergehenden Seite über das Schicksal dieser Dinge sagen wollte; und daß ihr eigenes Schicksal an deren Rückseite gekettet ist.“

Wir waren in seiner Stube angekommen, die an ein Alchemistenlabor erinnerte. Nachdem er mit lautem Gebrodel eine hookha entzündet hatte, fuhr der Alte fort. „Die Menschen haben nicht die Gelassenheit, größere Zeiträume zu überblicken.“

Wir sprachen über das Verlagerungs- und das Entgrenzungsgesetz des Mülls, die Durchdringung der elementaren Materie und die Verhöhnung des kulturschaffenden Menschen.

„Ich weiß, daß Sie wissen, daß es keine Lösung des Müll-Problems gibt, solange man es als Problem sieht. Sonst wären Sie nicht hier“, sagte er. „Aber der Schritt ins Bewußtsein jener Wirklichkeit, die schon längst die von uns allen ist, wird nicht durch ein Wissen getan. Der Illusion zu entsagen, ist ein hohe Kunst. Erst wenn der grüne Drache und der weiße Tiger sich vereinigt haben, kann das große Tor durchschritten werden. Erst wenn beide, Hoffnung und Furcht, Optimismus und Pessimismus, überwunden sind, wird das Geheimnis sich enthüllen. Kommen Sie, ich werde Ihnen etwas zeigen.“

Er führte uns zu einem kleinen Regalbrett, auf dem neben kleinen Vasen, Döschen und Figuren daoistischer Unsterblicher zwei uralte Bücher standen. Sie waren mit einem merkwürdigen, wellenförmigen Gekritzel gefüllt, in dem wir keine uns bekannte Schrift ausmachen konnten. „Es sind uralte Überlieferungen, die in unvordenklicher Zeit in einer geheimen Schrift abgefaßt wurden. Kein Uneingeweihter kann sie lesen. Diese beiden Bände sind einer der Sieben Schätze, die auf der Dunklen Terrasse versteckt gehalten wurden. Einiges aus dem ersten Band werden Sie kennen.“ Dann begann er zu lesen – und tatsächlich!, es waren Sätze, die wir aus dem Müll-System kannten. Da hieß es z.B.:

Die Müllgeschichtsschreibung ist eine des Vergessens und des katastrophischen Auftauchens

Warum sollte ein solcher Satz, als eine Art Prophezeiung, nicht schon „in unvordenklicher Zeit“ formuliert worden sein? Dann aber wurde es immer unwahrscheinlicher:

Während man in Wackersdorf noch unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen an der WAA baute, wurden die abgebrannten Brennelemente deutscher AKWs ins französische La Hague und ins britische Sellafield verschickt. Von dort kommen ab 1993 die ersten Reste von der Wiederaufarbeitung nach Deutschland zurück. Spätestens dann müßte es Endlagerstätten für 3000 Glasblöcke zu je 150 Litern mit eingeschmolzenem hochradioaktivem Müll sowie 207000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll geben. Die Sanduhr ist aufgestellt, und wir alle befinden uns in der unteren Hälfte des Glases.

Wie sollte man „in unvordenklicher Zeit“ etwas von Wackersdorf oder La Hague gewußt haben? Als hätte der Meister unsere Gedanken gelesen, sagte er:

„Dieser Text liest sich in jeder Zeit neu, je nachdem wie die Menschen ihn verstehen können. Zum Studium dieser beiden Bücher ist mir vor einiger Zeit ein Mann aus Ihrem Teil der Welt geschickt worden. Ich habe ihn in der Schrift unterwiesen, und was ich Ihnen gerade vorgetragen habe, ist seine Übersetzung. Monatelang hat er daran gearbeitet. Hätten die Menschen den Text früher gekannt und verstanden, wäre es vielleicht nie zu dieser Lesart gekommen.“

Wir sahen uns verdutzt an. Das also war die Vorlage für die Texte, die wir gefunden hatten! Der Meister sprach:

„Vielleicht meinen Sie, dieses uralte Buch sei nachträglich fabriziert worden. Glauben Sie an seinen Ursprung oder bezweifeln Sie ihn, das macht für die darin enthaltenen Wahrheiten keinen Unterschied.“

Der Meister machte uns auch noch Andeutungen über den Inhalt des zweiten Bandes. Davon zu sprechen ist uns unmöglich. Wer indes den ersten Band lesen möchte, kann dies tun. Er ist unter dem Titel Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme in der Edition Suhrkamp, Neue Folge Band 652 erschienen, auf deutsch und in lateinischem Alphabet.