Die
Kybernetische Zwischenwelt
Zu Volker Grassmucks Buch
Vom Animismus zur Animation. Anmerkungen zur Künstlichen Intelligenz
Junius-Verlag, Hamburg 1989,
DM 19,80
– zuerst erschienen in: Fünfte
Etappe (Bonn, Mai 1990) –
Im Nachglimmen des soeben abgeschalteten Bildschirms,
wenn der Raum um einen herum sich erst wieder mühsam zur gültigen Realität
aufpumpt, geraten Gedanken bisweilen in seltsame Taumel, und unversehens findet
man sich in geleugneten Denk- und Vorstellungszonen wieder. Ähnlich kann es einem
bei der Lektüre von Volker Grassmucks Buch Vom
Animismus zur Animation gehen. Dieser Effekt dürfte keineswegs unerwünscht
sein, will uns doch der Autor in jenes merkwürdige und von eigenen Regeln
durchwaltete Zwischenreich einführen,
das sich ohne Willen des Subjekts oder des Objekts mit einem Mal zwischen
beiden aufgetan hat.
In
einem streckenweise wissenschaftsjournalistischen und dann wieder philosophisch-aphoristischen
Abriß verfolgt der Autor, wie die Entwicklung des Wissens und der Maschinen ein
Maschinenwissen in Gang gesetzt hat, das unser modernes (Subjekt-) Bewußtsein
bereits überholt haben könnte.
Der
Mensch kann nicht mehr ohne die Schnittstellen zur Maschine leben, die ihn
überall dort prothesenhaft verlängern, wo ihm seine autonomen Fähigkeiten
abgeschnitten wurden. Diese Abhängigkeit ist folgenreich, denn: „Nicht die Kontaktstelle bestimmt sich aus
dem, was sie verbindet. Sondern die Etwasse, die sie kontaktiert, sind nur noch
von ihr aus zu erkennen.“ Mensch und Welt werden von dem Wissen geprägt,
das beide lediglich in Beziehung setzen sollte. Seit Anfang des 20.
Jahrhunderts ist Wissen unter dem Paradigma der Information zunehmend zu einer
abzählbaren Folge von Ja/Nein-Entscheidungen geworden. Es kann in Maschinen
ausgelagert werden und sich letztlich selbst verwalten. „Was vorher nur ein Verhältnis war, erlangt ein eigenständiges Sein.“ Information
ist zur Dritten Entität neben dem Menschen und seinen Objekten geworden.
Der
Mensch selbst muß sich zu einem Geflecht von Informationen machen, wenn er sich
noch äußern will. Nur noch im Zwischenreich der Informationen kann er mit den
Dingen und den Anderen verkehren. „Mit
dem Programm, das wir der Maschine eingeschrieben haben, wendet sie sich jetzt
an uns. Sie schreibt uns die Gebrauchsanweisung vor für die Anwendung der
Fähigkeiten, die sie symbolisiert.“ Der Mensch braucht sich jedoch nicht
als Sklave seiner ihm entfremdeten Produkte zu sehen; er ist ganz einfach zum
Bewohner jener Sphäre geworden, die sich zwischen ihm und der Welt aufgetan
hat. Er selbst ist in-formierte Materie geworden. Medizinische Apparaturen
haben ihn zu einem Aufschreibesystem gemacht, das seine Funktionen in
digitalisierbaren Werten lesbar macht. Künftig darf er sich als Wissen
verstehen, das sich selbst (re-)generiert – und schon erfüllt er selbst die
Anerkennungskriterien einer Künstlichen Intelligenz.
Von
Turings Universalmaschine („gleichsam die
platonische Idee des Computers“), die jede Maschine imitieren kann, über
von Neumanns universelle Konstruktionsmaschine, die jeden beliebigen Automaten
(mithin auch ein Exemplar von sich selbst) herstellen kann, zu den künstlichen
Paradiesgärten interaktiver, environ-mentaler Räume geht es in einem „kreisförmigen Drumherumreden“ (denn
das Zentrum des Labyrinths ist leer) immer wieder um das Projekt der
KI-Forschung: ein selbständiges Gegenüber zu schaffen. Der moderne Mensch, der
sich in seinen perfekten Produkten spiegeln wollte, wird nur noch feststellen
können, daß er ein anderer geworden ist als er dachte.
Bei
Stichbohrungen in der Geschichte erweist sich das paradoxale Projekt als
durchaus nicht neu. Bereits in den sprechenden Automaten, die Gerbert d’Aurillac
(der spätere Papst Silvester II.), Albertus Magnus oder Roger Bacon
konstruierten, verschränken sich Wissen, Sprache, Maschine und Seele zu einer
faszinierenden, aber auch beunruhigenden Synthese. Der plappernde Metallkopf
des Großen Albert soll ihm denn auch von seinem Schüler Thomas von Aquin
zerschlagen worden sein. Zwischen Faszination an den Möglichkeiten eines
gottgleichen Wissens und dem Entsetzen vor seinen unkontrollierbaren Resultaten
oszillierte die Haltung gegenüber den Mehr-als-Maschinen immer. Ob man den
Golem oder ein Programm „zum Laufen gebracht“ hat, in beiden Fällen soll es die
„Wahrheit“ des Wissens sein, die sich in den Geschöpfen manifestiert. Der
Golem aber wird selbsttätig, indem er das ihm eingebrannte Zeichen der Wahrheit
(’emeth) in Tod (meth) verwandelt. Kein Plan, und erst recht kein
Schöpfungsplan, ohne Kehrseite. Wahrheit und Tod, das sind denn auch die zwei
Seiten jener Spielmarken, die immer im Einsatz waren, wenn es um die Schaffung
schöpfungsmächtiger Geschöpfe ging.
Der
Golem selbst hat weder Sprache noch Seele, doch bald schon werden wir uns bei unseren
Gegenübern dessen nicht mehr so sicher sein können. „Galt der Mensch als sprachbegabtes und damit beseeltes Tier, so fragt
der sprachbegabte Computer sich und uns, ob er nicht ebenso vernünftig und
vielleicht sogar beseelt sei.“ Das berühmte Eliza-Programm simulierte bekanntlich
nur eine eigene Seele – um sich die der Sekretärin seines Schöpfers entdecken
zu lassen. Wo liegt der Unterschied, wenn die Seelenäußerung der Effekt einer Maschinenvorgabe
ist?
Den
Horror der Ununterscheidbarkeit projiziert der Mensch noch in die Cyborgs, die
kybernetischen Organismen, die in der Welt der Science-fiction ihr Un-Wesen
treiben. Ob sie ihm bis in die Frage nach der Unterscheidbarkeit gleichen?
Bis in die ontologische Verunsicherung über sich selbst hinein? Ob beide am
Ende bereits identisch sind, ohne es je merken zu können?
Sollte
sich am Ende jene These glaubhaft machen können, die Volker Grassmuck als „die wohl schrecklichste“ bezeichnet? –
„Nichts ändert sich.“
Aber
das hieße zugleich auch: Alle kehren in der kybernetischen Zwischenwelt wieder,
der Skeptiker und der Gläubige, der Schizoide und der Paranoiker, der Phantast
und der Realist, der Rechner und der Spieler und schließlich der Saboteur, der
wie immer den Glauben hegt an den einen Knopf, der alles ausschaltet.
Jenseits
des zwanghaften Entscheidungsdispositivs von Protagonisten-Propaganda oder
Apriori-Ablehnung, die beide nicht zu den verbotenen Pforten der
elektronischen Welt vorgedrungen sind, geht es Volker Grassmuck um neue, an der
Maschine selbst gewonnene Einblicke in die Welt der Computer; eine Welt, in
der der Mensch nur noch mithalten kann, wenn er den Turing-Test besteht und
sich im Dialog mit der Maschine, letzlich dem künstlichen Menschen, beweist.
Es
sind Ein-Blicke, die vielleicht am markantesten an den Aus-Blicken gewonnen werden.
Ob nur, wie Volker Grassmuck im Anschluß an Kleists Marionettentheater
spekuliert, die geistlosen Geschöpfe das Paradies erreichen oder ob die neuen
Schöpfer plötzlich backstage auftauchen, gerade noch rechtzeitig um zu sehen,
wie die Bühnenarbeiter die letzte Staffage wegtragen, ist vielleicht nur eine
Frage der Interpretation. Zwischen Wahrheit und Tod, zwischen dem Paradies und
der Apokalypse, ergibt sich „kein
geschlossenes Gesamtbild“. Es bleiben nur „Optionen, die man zusammenbasteln kann, wie ein Kind, das vor einem
Scherbenhaufen ausprobiert, was paßt.“
Nachdem
sich die ehernen Ordnungen der Dinge aufgelöst haben, sind die Möglichkeiten
zwischen ihnen eingedrungen. Die Dinge liegen mit offenen Anschlußstellen da. „Die Wirklichkeit ist angefüllt mit lnformationen,
die ihren Gegenstand vergessen haben, mit Zitaten, deren Ursprung niemand mehr
feststellen kann.“ Einzig Interpretationen, die die Möglichkeit ihres
Gegenteils miteinbeziehen, können noch einmal gültige Bilder von Wirklichkeit
entstehen lassen. Es sind Muster in einem zweidimensionalen Raum, der mit dem
der Wahrheit nichts mehr zu tun hat. Die Welt ist zur Fläche geschrumpft, alle
Tiefe ist nur eine Illusion auf der Oberfläche des Bildschirms. Nur indem man
diese Oberfläche abwandert und dabei dem Zufälligen und Unerwarteten seine
Chance gibt, lassen sich Muster als Ergebnisse eines Spiels erkennen, das vor die
Aufgabe gestellt ist, seine eigenen Regeln zu (er-)finden.
Vielleicht
ist die Wiederkehr – oder die Permanenz – metaphysischer Muster einer der
erstaunlichsten Effekte. Im Dialog mit der Maschine, in dem der Gegensatz von
Subjekt und Objekt in listige Metaloge gelockt wird, kehrt das alte Spiel der
Metaphysik wieder; als Oberflächeneffekt, der sich im Durchspielen vorhandener
Möglichkeiten auftut. „Die-Maschine-die-jede-Maschine-sein-kann“
versetzt uns in einen „metaphysischen
Raum reiner Virtualität, der nur durch eine zusätzliche Anstrengung, durch eine
Reduktion wieder verlassen werden kann.“ Diese Maschine erinnert an die
Vorstellung der Theologen, nach der Gott seine Unendlichkeit durch die
Schöpfung reduzieren mußte, um sich zu offenbaren und um sich selbst in dieser
Offenbarung zu erkennen. „Die Universalmaschine
hat für uns nur einen Sinn, wenn sie uns eine Maschine ist und nicht alle.“ Sie kann sich jedoch nicht selbst reduzieren,
sie braucht uns zu ihrer „Offenbarung“. „Wir
müssen die reine Virulenz Der-Maschine-die-jede-Maschine-sein-kann reduzieren,
damit für uns gewisse Muster erkennbar werden.“
Aleatorisch
generiert erscheinen Muster, die dem referentiellen Denken der Theologie
gleichen, die noch an einen von ihr unabhängigen Ort der Wahrheit glauben
durfte. Aber wer ist wem gegenüber wer? Die Maschine, die sich selbst schaffen
kann, ist so schöpfungsmächtig wie ihr Schöpfer. Sie erzeugt ein Feld, in dem
Mensch und Maschine über der Frage, wer sich nun wem angeglichen hat, zu
Interaktionspartnern werden.
Wollte
klassische Metaphysik die letzten Gründe des Seins logisch verstanden wissen,
so scheinen sich diese auf einmal zu verzeitlichen. Unversehens könnten die
letzten Gründe jene gewesen sein, mit denen künstlich-intelligente
Expertensysteme unseren Untergang beschlossen haben. Vielleicht kommt es zu
einer evolutionären Wachablösung, deren Sinn nur künstliche „Menschen“ erfassen
könnten. Der Mensch könnte zum Schöpfer jener apokalyptischen Macht geworden
sein, die seine Epoche beschließt.
Die
Metaphysik mag zufällig entstehen, als unwahrscheinliche, aber mögliche Verknüpfung
im Netz; aber die Zufälligkeit ist selbst zur metaphysischen Größe unserer bis
in den Nanosekundenbereich berechneten Welt geworden. Der Zufall, der trotz
aller Forschung an Zufallstheorien und -programmen jenseits der
Berechenbarkeit bleibt, dringt in das Innere der Rechenmaschine als ihr
Anderes. Durch Hyperkomplexität entsteht jene labyrinthische Unüberschaubarkeit,
die es unmöglich macht, ein System nachzubauen, das dasselbe Ein-/Ausgabeverhalten
zeigt. Auch hier macht sich das Geschöpf selbständig. Anders zwar als von der
KI-Forschung intendiert, nämlich durch eher „dumme Zufälle“ – aber das war bei
der Evolution der „natürlichen“ Intelligenz, die ihre zufälligen Mutationen
dem Selektionsdruck der Umwelt aussetzen mußte, nicht anders.
Es
tut sich die Frage auf, wer sich künftig unter welchem Selektionsdruck beweisen
muß: „Denken wird dann als das definiert
sein, was den Turing-Test besteht.“ Das
Denken, das sich auch im Cyberspace zurechtfinden
wird, ist auf dem Weg. Es geht nach einer Methode vor, die keine ist: der
Unaufmerksamkeit, die das am Rande liegende als vorhandene Möglichkeiten
entdeckt. Der Autor selbst beschreibt sein Verfahren so: „unsystematisches Herumstöbern in Kybernetik, zeitgenössischer
Literatur, Medizinlehrbüchern, Schallplatten, Bauanleitungen, Mailboxen, Kinofilmen,
Tageszeitungen, KI-Seminaren, Computerwerbebroschüren etc. etc. etc.“ Und
neben die zeitgenössische Literatur, die Medizinlehrbücher, die Schallplatten,
die Bauanleitungen, die Tageszeitung, die Computerwerbebroschüren, als Hinweis
in die Mailboxen und in die KI-Seminare gehört dieses Buch auch. Es ist nicht
nur wegen der 16 schwarz-weiß Abbildungen, sondern vor allem durch seine
Sprache ein Bilder-Buch, das sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten
durch das Labyrinth der kommenden Zeit schlägt, uns in entlegene Kammern führt,
über einigen anderen vielleicht nur einen flüchtigen Namen entziffern läßt und
dabei en passant einen bunten Zitatengarten anlegt. Es kann den Rechner zum
Spielgefährten und das Denken zum Abenteuer werden lassen. Es animiert dazu,
Impulse in einem sich verflechtenden Netz weiterzugeben – das unsere Welt ist.