Plan und Wahn
Zu
dem Roman Ich, der Wächter von Charles Maclean, Reinbek bei Hamburg,
1987
zuerst veröffentlicht in der taz vom 12. 2. 1988
Paul Newman:
„Seit ich Ich, der Wächter gelesen habe,
tue ich kein Auge mehr zu.“
Es gab keinerlei Vorwarnung. Kein erkennbares Schema
in den Ereignissen, die zu jenem Vorfall führten. Keinen Katalysator, keinen
Präzedenzfall. Keine Erklärung, die sich aus der Geschichte des Betroffenen
herleiten ließe. Es war ein isoliertes Phänomen – unerklärlich, ohne jeden
Zusammenhang mit etwas anderem.
Diese Sätze stehen am Anfang, und mit ihnen kennt der Leser
ein Vor-Zeichen mehr als die Romanfiguren. Aber am Ende wird er selbst in einer
Situation sein, in der auch für ihn schon alles angefangen haben mag, er aber
noch nichts davon weiß. Oder nur nichts wissen will?
Dann passiert es. Der Angestellte einer Computerfirma,
Martin Gregory, begeht bei vollem Bewußtsein und doch wie in Trance eine
grauenvolle Bluttat. In einem Hotelzimmer kommt er wieder zu sich – soweit er
noch er selbst ist. Zusammenhanglose
Einzelheiten fielen mir ein. Es war wie bei einem jener elektronischen Spiele.
Bilder ohne Zusammenhang erschienen auf dem Bildschirm, und ich mußte eine
Auswahl treffen. Das war leicht für mich, ich konnte keinen Fehler machen. Sie
müssen verstehen, daß ich anfangs nicht begriff, daß ich selbst ein Teil dieses
Spieles war. Dann erfaßte ich langsam, daß es meine Hände waren, die das
Hundefutter mischten; daß es mein Rücken war, der sich über den
weißen Pappkarton beugte; daß die blutverschmierten Gummistiefel mir gehörten.
Plötzlich stieg Panik in mir hoch. Ich versuchte diese Eindrücke zu verdrängen,
aber das Bild auf dem Schirm verschwand nicht. Und auch das Licht in meinen
Augen verlöschte nicht. Diese Bilder würden für immer bleiben.
Mehr noch als vor einer schrecklichen Tat steht Martin vor
einem Rätsel, das er ergründen muß. Die Tat und eine grauenvolle Vision sind
wie Puzzlesteine eines fremden Geschehens in seine Welt gefallen, zu denen es keine
Anschlußstücke in seinem Leben gibt.
Kein Krimi, wie man als Leser anfangs mutmaßen durfte, und
auch keine Science-fiction. Ein Psycho-Thriller? Gleichwie, man ist auf die
Fährte eines Geheimnisses gesetzt, zu dem noch die Frage nach dem Genre gehört.
Unter Hypnose schlüpft Martin in verschiedene Existenzen aus
einer Reihe von Jahrhunderten und durchwandert in ihren Körpern bizarre,
todesgetränkte Landschaften. Während der Psychiater Somerville nach dem
ursprünglichen Trauma fahndet, stellt Martin Nachforschungen über die Personen
an, die er gewesen sein könnte. Am Ende beginnt ihm eine Ahnung zu dämmern, der
zu vertrauen ihm nicht leicht fällt: daß die Lösung des Rätsels nicht in
der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegen könnte, in der Übernahme einer
von ihm zu erfüllenden Aufgabe.
Auf einmal sind aus einer Geschichte zwei geworden, ein
Psycho-Thriller und eine Art zeitenüberspannende Gralslegende. Macleans
Montagetechnik läßt mit Martins Erzählungen und Notizen und mit Dr. Somervilles
Aufzeichnungen zwei sich mehr und mehr ausschließende Betrachterstandpunkte
auftauchen. Der Leser findet sich in einen Zwischenraum vesetzt, aus dem er
versucht, sich ein einheitliches Bild zusammenzusetzen, das aber bei jedem
Versuch der Schärfeneinstellung zu vexieren beginnt. Es scheint leicht, Martin
als krankhaften Paranoiker abzustempeln, und es legt sich nahe, das Unbehagen
der apokalyptischen Bilder durch Interpretation zu bannen. Aber nach der
analytischen Gleichung bleibt mit der Eindringlichkeit von Martins Sicht ein
Rest übrig, der sich nur in einer anderen Ordnung auflösen ließe, deren Spuren
nicht in seine Psyche führten. Die „Tour de force in die Abgründe der
menschlichen Seele“, die der Klappentext ankündigt, führt nicht zum Ziel. Es
ist, als ob Martins Blick bis zur Rückseite der Dinge vorgedrungen wäre, auf
der sich eine erschreckende Objektivität offenbarte: die der Apokalypse, deren
Verhinderung den Ausstieg aus der Ordnung (auch der Erklärungsmuster)
der offiziellen Wirklichkeit verlangt. Die Tat wäre demnach gar nicht das ganze
Rätsel, sondern nur ein Teil von ihm – und zugleich ein Teil seiner Lösung,
indem sie Martin durch das Zitat der hinter der Normalität verborgenen Wirklichkeit
erst auf seinen Weg ge bracht hätte.
Der Leser ist in einer merkwürdigen Situation. Entweder
läßt sich alles logisch-rational begründen, oder aber es geht tatsächlich um magische
Dinge. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten, und sie schließen sich aus. Aber
als Möglichkeiten existieren sie für den Leser – und nur für ihn. Er wird somit
zum dritten Faktor der relativistischen Weltsicht, die zwischen den
Betrachterstandpunkten wechseln kann. Martins Situation ist anders. Er ist Teil
des Spiels, das ihm eine existenzielle Entscheidung abfordert.
Der Roman spitzt sich zu einem Kampf der Wirklichkeiten zu.
Es geht nicht mehr um Möglichkeiten der Interpretation, sondern um irreversible
Konsequenzen aus einer Entscheidung. Für Martin geht es um die Behütung jenes magischen
Kristalls, den er auf der Spur seiner Inkarnationen gefunden hat und den zu
behüten er als seine Aufgabe erkannt hat. Für Dr. Somerville geht es um die
Unschädlichmachung eines gefährlich gewordenen Kranken. Die verschiedenen
Wirklichkeiten der beiden sind Innenräume, die keiner verlassen kann und in die
die Zeichen der anderen Wirklichkeit nur unter völliger Umkehrung ihres Sinns
gelangen können.
Martin ist schon unterwegs zu Dr. Somerville, um ihm mit dem
Kristall den definitiven Beweis seines Auserwähltseins vorzulegen, als ein
Pendler im Zug neue Fakten ins Spiel bringt. Jetzt entpuppt sich Somerville für
Martin als der ewige Gegenspieler, vor dem er schon einmal, in einem seiner
früheren Leben, versagt hat. Er erkennt, daß er nur ein Werkzeug in Somervilles
Plan sein soll, an den Kristall heranzukommen.
Alle Bezugspersonen sind zu Agenten in einem von dem
Gegenspieler des Wächters geschmiedeten Komplott geworden. Auch das mitleidige „Verständnis“
eines Priesters, der versichert, daß es angesichts des Zustandes der Welt ja
nur vernünftig sei, verrückt zu werden, gehört zu diesem Komplott. Ich verstehe sehr wohl, was da draußen vor sich
geht, entgegnet Martin. Wir
alle wissen, was uns bevorsteht, Vater, wir ertragen nur das Bewußtsein nicht,
daß es wirklich geschehen wird. Und das bald. Alle Prophezeiungen erfüllen
sich.
Martin ist fest entschlossen, bis zum Ende zu gehen und sich
der Schlinge des Plans zu entziehen, mit der seine Aufgabe zum Wahn gestempelt
werden soll. Ich hoffe, daß ich irgendwo einen Ort finden werde, in der
Wüste oder in den Bergen, an dem ich sicher sein kann, daß dem Kristall nichts
geschieht – wo ich Wache halten kann. [...] Aber
ich glaube auch, daß der Tag kommen wird, an dem ich die Wildnis verlassen
kann, und an diesem Tag werde ich die Wahrheit sagen, werde meine Geschichte
erzählen, und die Menschen werden mir folgen.
Ist die Geschichte am Ende noch gar nicht erzählt? Sie ist
niedergeschrieben, als Roman, und dieser hat seine Leser gefunden; und somit
rangiert sie unter literarischer Fiktion. (Was wohl auch – paranoische Lesart –
die einzige Möglichkeit für eine „reale“ Grundlage der Ereignisse wäre, an die
Öffentlichkeit zu gelangen. Eine Komplizenschaft des Autors mit der Vorlage
seiner Fiktion? Er müßte nicht einmal davon wissen, um, wie zunächst Martin und
vielleicht auch Somerville, Werkzeug in einem Geschehen zu sein, das älter als
unser Bewußtsein ist...)
Die Geschichte bleibt auf ästhetischer Distanz – und doch
rückt sie einem zu Leibe. Vielleicht erlaubt es nur die ästhetische Distanz,
daß man der Ich-Erzählung von Martins Wirklichkeit eine Plausibilität einräumt
und sich am Ende sogar auf seine Seite schlägt. Aber wenn dies geschehen ist,
ist die Geschichte mit dem Buch nicht zuende.
Zwei Wege gibt es, auf denen sie nachhallt. Der eine ist,
sich im nachhinein doch wieder der Wirklichkeitsdefinition der Somervilles (die
gutmütige, hilfsbereite Menschen sind) zu verschreiben und sich sicher zu sein,
die Geschichte eines Kranken gelesen zu haben. Dann mag die Angst bleiben, als
Zaungast des Wahnsinns irgendwann selbst von ihm gepackt zu werden... Oder man
geht den Weg der eigenen Lesart weiter, und dann stellt sich die Frage, ob man
nicht selbst schon längst, ohne es zu wissen, Teil dieses Spiels ist, das
unweigerlich irgendwann zu blutigem Ernst wird; dann nämlich, wenn man seine
Rolle zu übernehmen hat. Droht nicht jedem der Augenblick, in dem der Faden der
Gewohnheit reißt und ihn die Ankündigung einer Wirklichkeit durchzittert, deren
Anforderungen keine rationalen Einwände mehr trotzen können? Ist es die Angst davor
oder die Sehnsucht danach, die Paul Newman kein Auge mehr zutun läßt?