Der Müll, die Stadt und die Kunst

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meint Rondo, die Wochenendbeilage des Standard (Wien) in einem bearbeiteten
Interview mit Christian
Unverzagt vom 17. 10. 2003
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Der Standard:
Herr Unverzagt, der Mensch und der Müll, das scheint ein sehr
belastetes Verhältnis zu sein. Wie würden Sie es beschreiben?
Christian Unverzagt:
Der Müll ist dem Menschen treu wie sein Schatten. Seit
es Menschen gibt, gibt es auch Müll. Wobei man zwei Tendenzen feststellen kann:
Zum einen gibt es eine Tendenz zur Ansammlung. Man denke etwa an wilde Müllkippen,
die immer neuen Müll anziehen. Zum anderen hat Müll einen Hang zum Vergessenwerden.
Wir wollen uns damit nicht beschäftigen.
Eine Symbiose, die funktioniert?
Die zumindest für lange Zeit funktionierte. Durch die Geschichte hindurch
war dieses Verhältnis eine recht verträgliche Liaison. Man hat sehr früh die
Nahrungsreste aus den Siedlungen hinausgeschafft. Als die ersten Städte gebaut
wurden, gab es dann eine Reihe von technischen Neuerungen, um den Müll wegzuschaffen.
Die
Geschichte der Architektur ließe sich unter Müllgesichtspunkten betrachten.
Warum wurden
Straßen gepflastert? Wie wurden Abwässerkanäle in die Städte integriert? Die
Religion hat mit Reinheitstabus ebenfalls einen Beitrag geleistet.
Aber dieses funktionierende Verhältnis wurde doch irgendwann nachhaltig durcheinander
gebracht?
Das war der Punkt, an dem die eigene, katastrophale Geschichte des Mülls erst
einsetzt; und zwar katastrophisch.
Wann war das?
Wir können das ziemlich genau auf die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts
datieren. Da kamen Formulierungen auf wie "Entsorgungsinfarkt" oder "der Müll
wächst uns über den Kopf". Als mit der Wachstumsgesellschaft auch der Müll
immer weiter wuchs und neue Stoffklassen aufkamen, die nicht mehr in die natürlichen
Kreisläufe zurückgeführt werden konnten, griffen die technischen Strategien
und damit auch die Strategie des Vergessens nicht mehr.
Und seit damals wird Müll nur mehr negativ gesehen?
Nein, wir haben zugleich eine Parallelbewegung, die sich allerdings
in einer anderen Sphäre bewegt. In der Kunst wird das, was wir als Müll bezeichnen,
in einen kreativen Prozess integriert. Antizipationen gab es bereits
seit den zwanziger Jahren, man denke an Kurt Schwitters, später die Materialkollagen
eines Jean Tinguely oder auch die Arbeiten von John Cage. Heute
beschäftigen sich fast überall lokale Künstler mit Müll. Man könnte das unter
den Begriff "Rituale der Sichtbarmachung" einordnen.
Korreliert die Bewusstmachung des Mülls auch mit einer gesellschaftlichen
Integration des Mülls?
Müll ist ein wichtiger Zweig der Wirtschaft geworden. Die Abfallwirtschaft
ist ein bedeutender Faktor im Bruttosozialprodukt. Daneben gibt es die Halbwelt
des Mülls, illegale Atom- oder Giftmülltransporte, deren Dimensionen nur mit
Waffen- oder Drogengeschäften vergleichbar sind.
Dieser Müll besitzt damit einen unglaublichen Wert. Er wird in die Sphäre
von Wertgegenständen katapultiert.
Das hat mit dem zu tun, was Müll ist: Er ist die Materie,
die nutzlos geworden ist und verschwinden soll, aber nicht verschwinden will.
In diesem Zwischenraum,
zwischen Verschwinden-lassen-wollen und Nicht-verschwinden-wollen, spielt sich
das große Geschäft ab. Durch diese Reibung wird der Müll mit
Wert aufgeladen.
Letzten Endes verschwindet der Müll dann aber doch nie. Das sei die Lehre
des Ökologismus, schreiben Sie in ihrem Buch.
Das eigentlich Skandalöse des Mülls ist, dass alle Strategien, die wir entwickelt
haben, um ihn zum Verschwinden zu bringen, letztlich nichts nützen. Egal
ob Recycling oder Verbrennung, ob auf dem Meeresboden oder im All, ob als
Sero, Gift oder ästhetisches Ärgernis - die Stoffe bleiben uns erhalten, es
gibt
nur eine
Verlagerung
des
Mülls. Das führt zu den makabren Anekdoten von Müllschiffen, die jahrelang
über die Weltmeere fahren, um ihre Ladung loszuwerden. Am Ende tauchen sie
dann unter anderem Namen wieder auf, und der Müll ist weg. Doch der Müll ist
nur weg aus unserem Bewusstsein.
Oder wir benutzen Euphemismen, um dem Müll zumindest sprachlich Herr zu werden.
Das sind die Sprachmüllstrategien; z.B. die Rede vom "Endlager" oder
vom "Brennstoffkreislauf", mit der der gefährliche Rest des Mülls vergessen
gemacht werden soll. Aber was nur aus unserem Bewusstsein verschwunden ist,
kehrt katastrophisch wieder.