Die Enthüllung des Müll-Systems
Eine metarealistische
Bestandsaufnahme
von Volker Grassmuck
und Christian Unverzagt
Das Müll-System (edition suhrkamp,
Frankfurt/M. 1991) basiert auf Recherchen zur Geschichte und Gegenwart aller
möglichen
Arten
von Abfällen. Woher der Müll kommt, ist durch die relativ junge
Abfallwissenschaft und in zahlreichem Pressematerial sowie durch eigene
Nachforschungen gut dokumentiert. Wohin
mit ihm, ist eine ungelöste Frage. Eins jedoch ist deutlich: die
Industriegesellschaft läßt den Müllberg nicht zurück, sie türmt ihn vor
sich auf. Die industrielle Produktionsweise wird von ihrer Vergangenheit nicht
nur eingeholt, sie ist von ihr längst
überholt worden. Die ungeheuerliche
Zukunft, die sich in Schatten des Mülls auftut, läßt das gesammelte Material
in einem neuen Licht erscheinen. Das Mü11-System unterscheidet sich also – sieht man von den
zusammengetragenen
Quellen aus Kunst und Theorien einmal ab – nicht so sehr durch die verwendeten
Daten von abfallwissenschaftlichen Veröffentlichungen, sondern durch die Betrachtungsweise,
mit der es dieses Material verknüpft.
Im Vorwort der Herausgeber legen wir dar, wie es zu dem Text des
Buches kam. Auf einer Deponie fanden wir die Kladden eines verschwundenen
Abfall-Experten, die unsere eigenen Recherchen überflüssig machten. Wir
entschlossen uns, nur als Herausgeber dieser Texte zu fungieren, die den Müll
historisch und systematisch erfassen, ihn aber vor allem im Verlauf
mehr und mehr philosophisch zu ergründen suchen. Am Ende ist es nicht mehr so
sicher, daß WIR den Müll machen; vielleicht „macht“ er uns, so wie wir sind und
gewesen sein werden. MENSCH und MÜLL erscheinen als zwei korrelierende Größen
in einer fatalen Liaison.
Die Einleitung
beschäftigt sich mit der Etymologie von Abfall, Müll und Schrott. Hinzu kommt
ein Streifzug durch Abfall-Metaphern, die sich in medizinischen, psychologischen,
soziologischen, philosophischen, utopischen und literarischen Texten finden.
Das erste Kapitel ist dem Vor-Industrialismus gewidmet und hat es vornehmlich mit organischem
Müll, Trümmern und Scherben zu tun. Es wird ein Zeitraum von nicht weniger als
zwei Millionen Jahren erfaßt. Der Müll enthüllt sich als Dokument der ersten
Menschen. Die Erkenntnisse, die diesem Kapitel zugrundeliegen, sind mit der
Archäologie verknüpft. Diese hat auch die ersten Städte ausgegraben, die sich zwangsläufig
der Müllbeseitigung zuwenden mußten. Durch die urbane Konzentration von
Menschenmassen wird die Müll-Menge
zum Problem. Mittels religiöser
Vorschriften und erster technischer
Konstruktionen versucht man, seiner Herr zu werden. Neben den
Reinlichkeitsgeboten praktiziert man früh schon die Sammlung, z.T. bereits nach Müllsorten getrennt, Kompostierung, Verbrennung und Deponierung.
Die Geschichte der Müllbeseitigung verläuft jedoch nicht linear. Die Religionen
wandeln sich und gehen schließlich als Anti-Müll-Faktor unter, während die
Technik nach ihrem mittelalterlichen Dornröschenschlaf wie der Phönix aus der Asche
steigt.
Um den Industrialismus
geht es im zweiten Kapitel. Wir sehen alle Lösungsversuche hinter dem Problem
herhinken. Dieses besteht nicht mehr nur in der rasant zunehmenden Menge des
Mülls, sondern auch in seiner neuen Stofflichkeit.
Die industrielle Produktion läßt resistente Materialien zurück, die nur unter
dem Primat der Nützlichkeit aus dem Schatten der Aufmerksamkeit treten können.
Der Altwarenhandel wird zum Geschäft. Erst die Medizin entdeckt den Abfall als
gesellschaftliches Problem im Gesundheitszustand
untauglicher Soldaten. Die industrielle Kosten-Nutzen-Rechnung verunmöglicht
aber jeden strukturellen Zugriff auf die Ursachenherde. Die Produktion um jeden
Preis ist das Gebot der Epoche. Die Kunst richtet als erste ihr Augenmerk auf
die Rückseite des Prozesses – und findet Gefallen an nutzlos gewordenen, die
Zeit jedoch überdauernden Materialien wie dem Schrott. Der Abfall ist das
Unverwertbare und als solches ein Kuriosum.
Drittes Kapitel: Erst mit Beginn der 60er Jahre entsteht ein
Gefahrenbewußtsein gegenüber dem Abfall. Ein regelrechter Mülldiskurs entsteht, indem Menge, Material und Entsorgungsmöglichkeiten
der diversen Abfälle erfaßt werden. Es werden erste Maßnahmen zur Einhegung der wilden Müllkippen
unternommen. Im Zeichen der bedrohlichen Verunreinigung von Luft und Wasser
deutet sich das Aufkommen eines ökologischen Gewissens der
Industriegesellschaft an. Der Staat ergreift Maßnahmen zur Schaffung einer Müll-Entsorgungsstruktur
und entwickelt einen Rechtsrahmen. Daß der Müll zum Politikum geworden ist,
erweist sich auch in dem Aufkommen beschönigender Metaphern, mit denen
öffentlich über seine Existenz gesprochen wird. Noch außerhalb des öffentlichen
Bewußtseins entstehen Wissenschaften, die Rezepte gegen die drohende Vermüllung
entwickeln sollen. Der Geist der Zeit glaubt, mit entsprechendem Know-how aller
Probleme Herr werden zu können. Der Ökonologismus entsteht. Die Entsorgung wird
zum Geschäft gemacht und so sollen Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnt
werden.
Das vierte Kapitel präsentiert die Materialien und ihre Zeiten.
Papier; Glas, Plastik, alte Batterien, Kühlschränke, Autowracks, metallische
Produktionsrückstände, gefährliche Chemikalien, konzentriertes Gift in Filteraschen
usw. werden gesondert aufgeführt und auf ihre Wiederverwendbarkeit bzw. die ihr
angemessene Entsorgungsstrategie betrachtet. Es zeigt sich, daß den Materialien
verschiedene Zeitformen angehören und daß ihre beharrliche Rückständigkeit an
den Orten ihres Überdauerns eine eigene Topographie
ausbildet, die sich mit der Wunschlandschaft des Ökonologismus immer weniger in
Deckung bringen läßt. Die Topographie des Mülls ist ein Zeit-Raum, der sich
durch spezifische Bewegungsgesetze ausbreitet. Um Orte des Mülls, von denen
aus er seine Wege durch die Zeit nimmt, geht es in den folgenden Kapiteln.
Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Recycling. Recycling ist nicht nur eine Verfahrensart, sondern
auch eine Hoffnung: daß sich der Verwertungsprozeß in eine Kreisform (zurück-)biegen
läßt, um ohne Ende weiterzulaufen. Nach dem Noch-Verwertbaren wird das
Wieder-Verwertbare sondiert. Was gestern noch Müll war, wird heute zum
sekundären Rohstoff. Die industrielle Beschleunigung der Dinge kann nicht nur
in einem Augenblick des Unfalls aus einem Gebrauchsgut Schrott entstehen
lassen, sie kann den Prozeß auch wieder umkehren. Allerdings erweist sich, daß
es nur eine begrenzte Reversibilität
der Dinge gibt. Ein entropischer Fluch lastet auf dem Unterfangen, das Vernutzte
wieder ins Reich des Nützlichen heimzuholen. Das Papier wird dunkler und die
Kontraste unschärfer. Die Kosten der Wiederaufbereitung sind immens und die Energie,
die aufgebracht werden muß, um weitere zu gewinnen, wächst. Manche Dinge, wie
abgebrannte Uran-Brennelemente, lassen sich – unter Ausstoß von immer mehr Müll
– überhaupt nur noch einmal wiederverwenden. Dann reihen sie sich ein in die
Liste der ausgestoßenen Stoffe, für deren Quarantäne erst noch Orte gefunden
werden müssen.
Ein Unterkapitel schweift über die bewohnten Müllkippen der
Dritten Welt wie den Smokey Mountain in Manila und über Recycling-Märkte wie den
Bukuki in Niamey. Wohnen I stellt
eine Form effizienten Recyclings vor, wie sie den hochindustrialisierten
Ländern im Zeichen des Giftmülls nur noch als verlorenes Paradies erscheinen
kann.
Das sechste Kapitel handelt zunächst von der Deponie. Auf
ihr soll das endgültig nicht mehr Verwertbare gelagert werden. Aber das uralte
Verfahren erweist sich neuerdings als nur äußerst bedingt tauglich zur Abfall“beseitigung“.
Die wachsende Müllmenge verschlingt den Deponieraum, neue Standorte lassen sich
nur noch schwer finden und die Akzeptanz der Bevölkerung nimmt ab. Am
problematischsten ist aber die Impertinenz der Stoffe, die sich nicht wie
Menschen in Lagern vernichten lassen.
Sie sickern in Richtung Grundwasser ab und entweichen als Gas in die Luft.
Dieser Entgrenzungs-Tendenz entgehen
auch die grandiosen Deponie-Konstruktionen nicht, die den Müll bei der
Landgewinnung als Halbinsel oder zu einer monumentalen Pyramide verarbeiten.
Die Ummantelung soll dieser Tendenz
Einhalt gebieten. Da aber jeder Mantel auch nur ein Material ist, das mit der
Zeit zersetzt wird, wird das Problem nur der Zukunft untergejubelt.
Ein Unterkapitel beschäftigt sich mit den „Altlasten“. Die Dimensionen haben sich
verschoben. Nicht mehr nur ausgelaugte Produkte und Produktionsstoffe gehören
nun zum Müll, sondern auch die Erde, in die sie gedrungen sind.
Bedauerlicherweise ist es dieselbe Erde, auf der wir produzieren (und daher
auch leben) müssen. Jetzt muß der Boden recyclet werden; nicht um ihn verkaufen
zu können, sondern um ihn überhaupt noch als Ressource des eigenen Lebens zur
Verfügung zu haben. Der Aufwand ist bei geringem Effekt enorm und unversehens
bilanziert die Wirk-Zeit des Mülls die Gewinn-Rechnung der Ökonomie um. Aber
eine neue Hoffnung tut sich auf: neben chemischen und thermischen Verfahren
werden biologische Sanierungsversuche unternommen. Mikroorganismen, die man
zuvor als Schädlinge bekämpft hat, sollen den Schaden wiedergutmachen. Ein
gefährliches Duell, das inszeniert wird, da auch diese Organismen dem Entgrenzungsgesetz
gehorchen.
Die Entgrenzung des Mülls überschwemmt die Städte und
Landstriche. Wohnen II handelt nicht
mehr von der Deponie, die zum Lebensraum wird, sondern vom Lebensraum, der zur
Deponie wird. Hier geht es u.a. um das englische „flytipping“, die holz“schutz“mittelverseuchte
Wohnung und Krankenhausmüll am Strand.
Die Verbrennung
ist ein Verfahren, das die Deponie entlasten soll. Sie verschafft enorme
Volumenreduktion, fordert dabei aber ihren Preis. Ascheregen und Staub lassen die
Luft nicht mehr als Medium eines sorgenfreien Verschwindens denken. Das Verlagerungsgesetz macht sich geltend.
Verbrennt man feste oder flüssige Stoffe, hat man deren Giftigkeit in der Luft.
Filteranlagen müssen daher die Schadstoffe zurückhalten. Das Volumen ist reduziert,
dafür ist der komprimierte Rest umso giftiger. Die Konzentration der Schadstoffe, die nun gelagert werden müssen,
führt wieder zum Problem zurück, sie dauerhaft an der Entgrenzung zu hindern.
Es ist leider nicht der ökologische, sondern ein Teufels-Kreis.
Ein Sonderteil über Giftmüll
faßt das Dilemma anschaulich zusammen. Als Zwischenhoffnung darf gelten, daß
der Ausweg bereits gefunden ist. Er formuliert sich in dem Motto Vermeiden. Leider ist dieser Weg
unbegehbar, denn er liefe auf ein Vermeiden der Industriegesellschaft selbst
hinaus. Es scheint, als folgte diese einem höheren Auftrag. (Die Entdeckung
des Müll-Systems kündigt sich an.)
Das siebente Kapitel beschreibt die Bewegung, in die sich
der heimatlose Müll setzt, der nirgends bleiben kann. Sie wird von der
verzweifelten Hoffnung auf sein Verschwinden
begleitet. Es geht um Transporte, Joschka F., Geisterschiffe und daher nicht
zuletzt um die Meere und ihre Zauberkraft des Verschwindenlassens. Mit dem
Verschwinden haben wir uns der Schicksalsmacht des Mülls bereits erheblich
genähert. Was in der Welt, so wie wir sie kennen und bewohnen, verschwindet,
sind allerdings zunächst nur die Verantwortlichen für skrupellose
Müll-Transporte. Der Müll selbst feiert in Form angeschwemmter Fässer und Robben
oder auch in der Zunahme von Krankheitsraten sein unwillkommenes Auftauchen.
Das achte Kapitel nimmt sich die definitive Verbannung des
Mülls aus dieser Welt vor. Es handelt vom Atommüll.
Bei dem Versuch, ihn zu entsorgen, begegnen wir noch einmal allen Verfahren,
Orten und Bewegungsformen. (Der Kreis beginnt sich zu schließen, wenn auch
nicht in unserer Welt.) Er muß aus der Biosphäre rausgeschafft werden. Als vorläufige Endlösung will man ihn in
Untertagedeponien einlagern. Die Lithosphäre soll ihn von allem Einfluß auf das
irdische Leben abkapseln. Mit der Einreihung in ihre Zeitzyklen verschwände er
zumindest aus unserem Vorstellungsvermögen. Allerdings entdeckt man ständig
Wege, über die seine Abkömmlinge aus der Unterwelt zu uns zurückkehren könnten.
Die Entsorgungskünste durch beschönigende Metaphern haben ausgespielt und die
Möglichkeit, alles noch einmal zurückzunehmen, sind vorbei. Alle Trümpfe sind
in der Hand des Mülls.
Wenn ihn die Erde nicht bei sich behalten will, soll ihn der
Himmel aufnehmen. Atommüll ins All! ist nicht nur die letzte Karte der Science-fiction-Freunde.
Ein ungleich größerer Betrag an Energie als für die Produktion von Gütern müßte
nun zu ihrer Entsorgung aufgebracht werden. Eine rückwärtige Produktion für
die Leistungen der Vergangenheit. Vielleicht geht es aber mehr um ein trotziges
Duell mit der Schicksalsmacht, die den Müll bei einem Unfall – vielleicht
gleich nach dem Start, etwa in Challenger-Höhe – mit einem Mal ins Über-All verstreuen könnte.
Das neunte und letzte Kapitel ist zwangsläufig der Nachwelt gewidmet; einer vielleicht
schon anachronistisch gewordenen Lieblingsentität unserer Vorstellungswelt. Der
Abfall von der Kultur herrscht über Zeiten, die diese selbst nie dauert. Nun
ist der Transport von Zeichen, mit denen man auf das gelagerte Unheil
hinweisen kann, das Problem. Erst bei ihrem Transport kommt es zu einem
wirklichen Verschwinden: dem ihrer Bedeutungen. Alles kommt anders wieder als
gedacht. Es geht um Semiologie, Paläonthologie, die Müll-Kirche, einen geheimen
Orden und eine höhere Einsicht in das Müll-System.
Ein Glossar am
Ende des Buches soll helfen, die Stilblüten des Müll-Fach-Jargons besser zu
verstehen.
Berlin, noch vor dem
Mauerfall