Abfällige Gedanken
Interview mit Volker Grassmuck und Christian Unverzagt
Radio Bremen, Journal am Morgen, 15. 7. 1991
Radio Bremen: Schönberg, Münchehagen,
Herfa-Neurode, Gorleben – das sind Namen, die in die Geschichte eingehen
werden wie zuvor Waterloo, Austerlitz und Wounded Knee. Nur dass hier keine
Schlachten gegen Heere, Flotten oder Indianer geführt wurden, sondern
ein Kampf gegen die Ausscheidungen der Zivilisation. Wir reden über
Müll.
Ein Buch ist erschienen, das heißt Das Müll-System. Die Autoren
sind Volker Grassmuck und Christian Unverzagt, die ich jetzt natürlich
fragen muss, wie sie eigentlich darauf gekommen sind, ein großes, ein
dickes Buch zu schreiben über den Müll.
Antwort: Ja, sehen Sie, für uns hat sich die Frage irgendwann
umgekehrt. Nach einiger Beschäftigung mit dem Müll haben wir uns
gefragt: Wie kann man überhaupt noch ohne Müllbewußtsein leben?
Jeder liest in der Zeitung über Müllprobleme, über Entsorgungsprobleme,
hat hier und dort von einem kleineren oder größeren Skandal gehört,
vom „Müllnotstand“, vom „Entsorgungsinfarkt“,
von Giftmüllverschiffungen, von dem NUKEM-Skandal. Aber für die meisten
Leute bleibt das zunächst ein Thema, das einen interessiert oder nicht.
Radio Bremen: Und die ganzen Meldungen liegen relativ unsortiert
herum.
Antwort: Ja, man findet sie verstreut, aber wenn man einmal sein
Müllbewußtsein geschärft hat - und das ist ein Effekt, den
wir auch bei anderen Leuten festgestellt haben – findet man überall
Müll. Man wird „müll-sichtig“. Der Müll entpuppt
sich als die fundamentale Rückseite der Produktionsgesellschaft.
Radio Bremen: Wie sind Sie bei Ihrem Buch vorgegangen? Was haben
Sie alles gesammelt?
Antwort: Wir haben uns in verschiedener Weise in die Materie begeben.
Zunächst natürlich durch Lektüre. Es gibt eine erstaunliche
Menge an Fachliteratur – wissenschaftlicher Art, technischer Art, Verfahrenstechniken – zur
Müllbearbeitung. Darüber hinaus haben wir uns vor Ort begeben und
haben uns inspirieren lassen von dem sinnlichen Eindruck, den Müllkippen
und Müllverarbeitungsanlagen machen. Wir haben Interviews geführt.
Wir sind in die Literatur gegangen und haben festgestellt, dass dieses geschärfte
Müllbewußtsein bei verschiedenen Literaten aufgetaucht ist.
Antwort: Das Phänomen ist dann, dass man ab irgendeinem Zeitpunkt
nicht mehr den Müll sucht, sondern der Müll umgekehrt einen findet.
Radio Bremen: Das heißt also: Sie haben eine große
Reise unternommen quer durch alle möglichen Genres. Sie haben recherchiert,
Sie haben Material aufgearbeitet; aber in ihrem Buch kommt ja auch noch eine
Menge anderes vor: Es kommt Kunst vor, es kommt der Müll früherer
Jahrhunderte vor, es kommt der Umgang verschiedener Gesellschaften, verschiedener
Städte wie z.B. Rom oder Athen oder das Paris, das bei Alain Corbin in „Pesthauch
und Blütenduft“ beschrieben wird, vor. Was hat sich denn eigentlich
in den großen Bereichen und den großen historischen Bögen,
die Sie beschreiben, verändert?
Antwort: Man kann sagen, dass der Müll immer der Begleiter
oder auch der Schatten des Menschen war. Die ersten Dokumente des Menschen
finden sich z.B. im Müll. Der Müll wird schon zum großen Problem
in den ersten großen Städten: Babylon, Rom, dann im Mittelalter.
Immer hat der Müll einen Januskopf gehabt, ein komisches und ein trauriges
Gesicht. Aber mit der Produktionsgesellschaft, mit der Industrialisierung der
Welt, mit der Produktion von Stoffen, die die Natur nicht mehr zurück
nehmen kann in ihren Kreisläufen, entsteht natürlich ein anderes
Problem. Das Zeitverhältnis kehrt sich um.
Radio Bremen: Das heißt, die Müllberge werden immer
größer und beschleunigen sich immer schneller?
Antwort: Sie werden nicht nur größer und die Wachstumsgeschwindigkeit
nimmt zu, sondern auch die Dauerhaftigkeit des Mülls nimmt zu. Das fängt
an mit Plastik und Kunststoffen aller Art, deren Molekülketten von der
Natur nicht mehr zurück genommen werden können; und das geht dann
natürlich bis zum Atommüll, wo Plutonium Halbwertzeiten von bis zu
25.000 Jahren hat.
Antwort: Darüber hinaus verschiebt sich der Ort des Mülls.
Während es in den Anfangszeiten des Mülls immer noch möglich
war, den Müll aus dem Raum des Menschen auszusondern, an die Peripherie
des Städte, in Flüsse, die den Müll fort transportiert haben
aus der Sichtbarkeit, können wir jetzt feststellen, dass der Müll überall
auftaucht. Das, was unter den Teppich gekehrt worden ist, kehrt wieder, und
wir stellen fest, dass die Abwasseranlagen, Müllschächte, Mülldeponien
unter unserem Teppich diesen zum Aufwölben bringen und überall durchbrechen.
Darüber hinaus gibt es Verfahren, die versuchen, den Müll zu verdichten.
Also nicht nur ein Wiederauftauchen des Mülls in allen Räumen, die
der Mensch für sich beansprucht hat, sondern eine Konzentrierung des Mülls.
Es ist nicht mehr nur ein Mengenproblem, sondern es findet, beispielsweise
in Müllverbrennungsanlagen, eine Stoffumwandlung statt, die zwar das Volumen
reduziert, aber auch die Giftigkeit von Schlacken, Rauchgas usw. wesentlich
konzentriert.
Radio Bremen: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch das schöne
Beispiel der Müllpyramide in New York, d.h. in Staten Island gegenüber
von Manhatten, wo eine Pyramide gebaut und dann begrünt werden soll, um
die Duftkonzentration von der Bevölkerung, die dort wohnt, etwas abzuhalten.
Das wäre ja sozusagen eine neue Ikone der Industriegesellschaft, die dann
gegenüber der Skyline von Manhatten aus Müll besteht.
Antwort: Das hat natürlich einen symbolischen Wert, so wie
die Pyramide die älteste Kultur im Mittelmeerraum symbolisiert. Es ist
vielleicht das Symbol einer letzten Hoffnung: daß man den Müll konzentrieren
kann, daß man ihn an einen Ort packen und eingrenzen kann. Das Erschreckende,
was sich uns bei unseren Recherchen dargestellt hat, ist, daß der Müll
eine Tendenz zur Entgrenzung hat. Er läßt sich nicht eingrenzen,
und das führt dann zu dem, was man die Vermüllung der Welt nennen
könnte. Die Elemente werden vom Müll durchdrungen.
Radio Bremen: Also Wasser, Luft, Feuer, Erde.
Antwort: Ja. Müllverbrennungsanlagen und Deponien sind nicht
dazu geeignet, den Müll zu konzentrieren und an einem Ort zu halten. Über
die Transportelemente – die Luft und das Wasser – wird der Müll
in die ganze Welt getragen. Er läßt sich nicht an einem Ort halten.
Radio Bremen: Das sieht man ja sehr schön an einigen Odysseen
von Schiffen, die quer durch die Welt gefahren sind mit Giftmüllabfällen.
Die „Karin B.“ war ein Beispiel; ein anderes war ein Frachter aus
Philadelphia, der jahrelang auf der Suche nach einem Abladeplatz für seinen
Giftmüll war, den er dann doch irgendwann einmal losgeworden ist.
Antwort: Das ist richtig. Das ist aber eine Frühphase der
Bewegung auf den Meeren, kann man sagen. Die Schiffe waren unzureichend ausgestattet.
Das hat die Besatzungen in starkem Maße in Mitleidenschaft gezogen, wenn
dann Fässer auf diesen Schiffen undicht geworden sind, und wenn die Mannschaft
monate- oder jahrelang unterwegs war. Mittlerweile gibt es in Japan Pläne
für eine neue Generation Schiffe. Japan, muss man dazu sagen, schickt
seinen Atommüll nach Frankreich und England, La Hague und Windscale, und
rechnet damit, dass es dort zu Entsorgungsstaus kommt. Das heißt, dass
radioaktiver Müll länger auf diesen Schiffen verbleiben muss als
das bislang der Fall war. Japan plant deshalb Schiffe so auszulegen, dass sie
jahrelang unterwegs sein können. Das heißt, der Müll ist permanent „in
giro“, ist permanent in Bewegung. Diese Schiffe stellen somit – wenn
es so funktionieren würde – ein permanentes Zwischenlager dar.
Radio Bremen: Weil es ja das Endlager auch nur als Illusion gibt.
Antwort: Das ist richtig. Das „Endlager“ betrachten
wir vor allem als Sprachstrategie.
Radio Bremen (lacht): Als Sprachmüll.
Antwort: Ja, die Müllsprache wird zu Sprachmüll. Es
ist doch eine Illusion zu glauben, dass man Stoffe gänzlich und endgültig
im Endlager aus dem Biozyklus ausschalten kann. Trotzdem hat man Stoffe produziert,
bei denen das der Fall sein müsste. Und das ist Wahnwitz.
Radio Bremen: Wie gehen Sie denn eigentlich jetzt nach ihren ganzen
Arbeiten zu diesem Buch und nach der Fertigstellung desselben mit dieser düsteren
Prognose um? Sie haben das Buch ja ein bisschen so geschrieben, daß es
einen Professor gibt, der an Ihrer Stelle die ganzen Recherchen gemacht hat,
und dessen Kladden und Manuskripte Sie jetzt publizieren. Das hat also einen
leicht fiktionalen Charakter. Aber trotzdem ist ja alles Realität. Was
bleibt für Sie unterm Strich übrig?
Antwort: Zunächst zu dem Punkt mit Realität und Fiktion.
Wir schreiben ja in unserem Vorwort, dass wir in einer unterirdischen Simulationsanlage
zur Müllentsorgung Hinweise bekommen haben, die uns zu den Manuskripten
eines verschwundenen Professors geführt haben. Es gibt Leute, die das
als Möglichkeit nehmen, das Ganze als Fiktion abzutun; während es
sich für uns umgekehrt darstellt, dass das, was man gerne für die
Realität hält – eine Gesellschaft, die sich in Begriffen des
Wirtschaftswachstums, des Bruttosozialprodukts, steigenden Energieverbrauchs,
den man dann Energie-„Bedarf“ nennt, ausdrückt –, dass
das eine Illusion ist. Da befindet man sich in der Fiktion. Das Verhältnis,
das man zu dem Thema - das eben nicht nur Thema, sondern unsere Welt ist – bekommt,
hat mit diesem Januskopf zu tun, den der Müll hat. Er hat ein komisches
und ein trauriges Gesicht. Entsprechend recherchiert man auch mit einem lachenden
und einem weinenden Auge. Am Ende kommt man schon zu einem Punkt, an dem sich
nicht mehr alles in der Alternative „Pessimismus oder Optimismus“ darstellt;
sondern für viele Dinge scheint es ganz einfach zu spät zu sein,
so daß sich ein gewisser Fatalismus beispielsweise in puncto Atommüll
aufdrängt.
Radio Bremen: Das waren „Abfällige Gedanken“ von
Volker Grassmuck und Christian Unverzagt.